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«Machen Sie etwas Konkretes»

Zwei Generationen, ein Ziel, zwei Wege: Die idealistische Klimakleberin Selina Lerch duelliert sich mit der pragmatischen Berner FDP-Politikerin Sandra Hess – sie diskutieren die heisse Frage: Warum sich auf die Strasse kleben, wenn es andere Wege gibt?

FDP-Politikerin Sandra Hess will alle ins Boot holen, auch wenn das mühsam ist. Aktivistin Selina Lerch findet, diese Zeit hätten wir nicht. Der Zweig, auf dem wir sitzen, drohe abzubrechen.

Moderation: Marcel Friedli-Schwarz / Quelle: Interview Pfarrblatt kathbern.ch


Fünf Personen sitzen – angeklebt – auf einer Hauptstrasse. Sie blockieren den Verkehr. Darüber prangt quer die Aufschrift: «anpacken statt ankleben!» Mit diesem Sujet sorgt die FDP im Rahmen ihres Wahlkampfes für Aufsehen. Grund genug, die beiden Gegenpole miteinander diskutieren zu lassen. Das «pfarrblatt» hat zwei Seeländerinnen eingeladen: Sandra Hess, die für die FDP in den Ständerat will, und die Klimaaktivistin Selina Lerch.


«pfarrblatt»: «anpacken statt ankleben» fordert die FDP auf Plakaten. Frau Hess: Was soll Klimaaktivistin Selina Lerch Ihrer Meinung nach tun?


Sandra Hess: Selina, setzen Sie sich für konkrete Lösungen ein – setzen Sie sich nicht auf den Boden, um sich festzukleben. Das führt zu einer Blockade, die niemandem etwas bringt. Tun Sie etwas Konkretes! Engagieren Sie sich zum Beispiel politisch.


Selina Lerch: Ich engagiere mich bereits politisch. Zwar nicht in einer Partei, nicht institutionell, sondern als bürgerliches Engagement: Indem ich gewaltfreien Widerstand leiste. Ich bin sehr besorgt, sehr traurig, wenn ich sehe, wie schlecht es unserer Welt geht. Darum greife ich zu diesem Mittel, das uns zusteht wie wählen und abstimmen. Ich weiss nicht, was ich sonst machen soll. Wir suchen nicht den Konsens: Es ist uns bewusst, dass der Weg, den wir wählen, polarisiert.

«Ich kann verstehen, dass junge Menschen laut sind und provozieren.» FDP-Politikerin Sandra Hess. Foto: Pia Neuenschwander

Warum gehen Sie nicht den weniger polarisierenden Weg?


Selina Lerch: Der politische Weg mit dem Links-Rechts-Schema ist mir zu langsam. Diese Zeit haben wir nicht!

Sie kennen das bestens, Frau Hess: Politik ist der Weg der Mini-Schritte. Da kann man ungeduldig werden.


Sandra Hess: Ja, das ist manchmal schwer auszuhalten. Aber das ist das Wesen der Demokratie. Auf Notrecht zurückzugreifen, indem der Klimanotstand ausgerufen wird (vgl. zweiter Text), ist meines Erachtens kein Modell für die Zukunft. Das geht so schnell, dass nicht alle mitkommen. Es ist aber wichtig, alle ins Boot zu holen. Auch mit den gängigen Instrumenten ist es möglich, Dinge relativ rasch auf die Beine zu stellen.


Frau Hess, auch Sie waren einmal jung – warum haben Sie kein Verständnis für diesen Weg?


Sandra Hess: Ich selber war zwar nicht besonders wild. Trotzdem kann ich verstehen, dass junge Menschen laut sind und provozieren, um in ihrer Sorge und Angst gehört zu werden. Aber Strassen blockieren, Menschen auf dem Weg zur Arbeit aufhalten – das führt zu unnötigem Ärger.


Selina Lerch: Ich kann verstehen, weshalb man das nicht verstehen kann. Und ich verstehe selber nicht, weshalb ich das machen muss. Doch wir sitzen auf einem Zweig, der abzubrechen droht. Ich würde mich lieber meinem Berufsleben widmen. Denn es geht – angesichts der Zerstörung der Welt, die zum Tod vieler Menschen führt – viel zu wenig schnell. Auch ich würde gerne andere, weniger radikale Mittel wählen. Aber angesichts der so bedrohlichen Situation ist dies für mich der einzig sinnvolle Weg.

Warum tun Sie das nicht – konstruktiv?


Selina Lerch: Wir sind konstruktiv: Ziviler, gewaltfreier Widerstand gehört zu einer Demokratie. Weil mutige Personen auf die Strasse gegangen sind, können Frauen in der Schweiz heute wählen und abstimmen. Wir suchen den Dialog, entschärfen die Situation, geben unserer Ohnmacht eine Stimme. Durch die Blockaden erzeugen wir eine Spannung, aus der heraus wir uns endlich zum Handeln aufraffen sollen.

«Der politische Weg mit dem Links-Rechts-Schema ist mir zu langsam.» Klima-Aktivistin Selina Lerch. Foto: Pia Neuenschwander

Sie, Frau Hess, verstehen unter konstruktiv etwas anderes – was?


Sandra Hess: Die Lösung liegt für mich in der Innovation, indem wir in Bildung, in neue Technologien wie alternative Energien investieren. Das ist sehr nötig, und es gibt den Markt dafür.

Die thermische Sanierung der Häuser ist eines der Anliegen von Renovate Switzerland.


Selina Lerch: Ja. Damit kann man etwas erreichen.

Seine Öl- oder Elektroheizung zu ersetzen, ist auch eine Frage der persönlichen Initiative. Was tragen Sie zum besseren Klima bei?


Selina Lerch: Ich verzichte auf Fleisch und reise ohne Flugzeug. Doch man kann auch ohne diesen Lebensstil zivilen Widerstand leisten.


Sandra Hess: Vor kurzem bin ich – nach 15 Jahren – wieder mit dem Flugzeug verreist. Also eine grosse Ausnahme. Ich kaufe lokal und saisonal ein. Und in Nidau sieht man mich oft auf dem Fahrrad.

Die Schweiz ist ein kleines Land – die Krise ist global.


Selina Lerch: Unser Land ist klein, aber wir stossen auf Kosten armer Länder sehr viel CO2 aus. Als hochentwickeltes Land müssen wir vorangehen, um das Desaster zu korrigieren.


Sandra Hess: Die Schweiz ist ein innovatives Land. Darum setze ich mich dafür ein, dass sie in Forschung, Entwicklung und Bildung investiert. Das hilft der Welt am meisten.

Zwei Frauen – zwei Perspektiven

Nidaus Stadtpräsidentin Sandra Hess kandidiert für die kommenden Wahlen im Oktober für die Berner FDP als Ständerätin. Sie ist Mitglied der reformierten Kirche und zu speziellen Anlässen in einer Kirche anzutreffen. Berge sind der Kraftort der verheirateten Mutter zweier erwachsener Kinder.

Auch Selina Lerch ist liiert und mag die Natur. Sie ist Mitglied der Klimabewegung «Renovate Switzerland», die sich auf Strassen klebt, um mit dem Blockieren von Autos auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Mit ihrer Bewegung fordert sie den Bundesrat auf, den Klima-Notstand auszurufen (vgl. Interview). Die knapp 30-Jährige arbeitet in einem kleinen Pensum als Psychomotorikerin, macht bei Aktionen mit und bildet Aktivist:innen aus. Nachdem sie sich aus einem engen kirchlichen Milieu befreit hat, gehört sie keiner Religionsgemeinschaft mehr an.

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